1967, ein Labor der Universität Pennsylvania. Hunde lernen, dass sie sich aus einer schmerzhaften Situation befreien können. Andere Hunde aber müssen die Schmerzen erdulden. Am nächsten Tag werden die Hunde wieder einer schmerzhaften Situation ausgesetzt. Die Hunde der ersten Gruppe verstehen sehr schnell, dass sie sich durch einen Sprung aus der Situation befreien können. Die Hunde der zweiten Gruppe aber erdulden regungslos die Schmerzen. Die Idee war geboren, dass diese Hunde Hilflosigkeit gelernt haben und sich daher nicht mehr selbst befreien. Eine neue Studie bringt diese Theorie ins Wanken und wir können viel davon für unser Leben lernen!

Bei diesem mehr als zweifelhaften Experiment wurden Hunde Schmerzen durch Stromschläge zugefügt. In der Nähe der Hunde war ein Hebel, den die Hunde mit der Schnauze bedienen konnten. Die meisten Hunde haben sehr rasch heraus gefunden, dass die Stromschläge und Schmerzen sofort beendet waren, wenn sie den Hebel mit der Schnauze gedrückt haben. Bei der zweiten Gruppe der Hunde wurden aber die Elektroschocks und Schmerzen nicht beendet, egal, was sie taten.

24 Stunden danach wurden die Hunde in eine andere Testumgebung gebracht. Die Kiste wurde durch eine niedrige Barriere in 2 Bereiche geteilt, wobei in einem Bereich durch eine Metallplatte Elektroschocks verabreicht werden konnten. Die Hunde konnten sich durch einen Sprung über die Barriere in Sicherheit bringen.

Die Hunde der ersten Gruppe, also diejenigen, die gelernt hatten, sich durch Betätigung des Hebels von den Schmerzen zu befreien, haben sehr rasch heraus gefunden dass sie sich durch einen Sprung retten konnten. Die meisten Hunde der zweiten Gruppe, aber die nichts gegen die Elektroschläge und die Schmerzen tun konnten, haben nicht einmal versucht, den schmerzhaften Schlägen zu entrinnen. Sie haben sich einfach hingelegt und haben die Schmerzen erlitten.

Heute würde dieses Experiment von keiner Ethik Kommission genehmigt werden. Es hat aber zu der sehr verbreiteten Theorie der erlernten Hilflosigkeit geführt. Wenn wir lernen, dass nichts unsere Situation verbessert, egal wie sehr war uns anstrengen und was auch immer wir tun, dann, so sagt diese Theorie, verinnerlichen wir es und wenden es in der Zukunft auf andere Situationen an. Sogar dann, wenn wir objektiv betrachtet gar nicht hilflos sind, dann fühlen wir uns hilflos. Und daher ist es in späteren Situationen immer unwahrscheinlicher, dass wir uns aus Situationen befreien indem wir da Heft in die Hand nehmen.

Diese Theorie wurde immer wieder mit ähnlichen Experimenten bestätigt. Immer dieselbe Hilflosigkeit, wieder und wieder, egal ob bei Tieren oder Menschen. Und so wurde sie zu einer der wichtigsten Erklärungen für klinische Depression: wenn wir immer wieder unfähig sind, verschiedene Situationen zu kontrollieren und zum Besseren zu verändern, dann hören wir auf, es zu versuchen. Eine Passivität stellt sich ein und schliesslich eine Depression.

Aber, viele Jahre später hat Steven F. Maier, der am ursprünglichen Experiment als Student mitgewirkt hat, sich der Neurologie zugewandt und hat begonnen, die Theorie, die er mitbegründet hat, aus seiner neuen Sicht abzuklopfen [1]. Er hat untersucht, welche Verschaltungen im Gehirn bei solchen Erfahrungen aktiviert werden und hat festgestellt, dass die ursprüngliche Theorie genau verkehrt herum formuliert war: wie lernen nicht, hilflos zu sein! Das Gehirn nimmt an, hilflos zu sein, wenn wir uns in einer widrigen Situation befinden. Wenn wir aber spüren möchten, dass wir die Kontrolle über unser Leben und den Ausgang der Situation haben, dann müssen wir lernen, dass wir die Macht über die Situation haben!

Und nun scheint es so zu sein, dass die passive und defensive Strategie, nämlich das Erleiden und „Aussitzen“ die natürlichste und am tiefsten in unsere Persönlichkeiten verankerte Strategie ist, mit schlechten Situationen umzugehen. Somit ist die Tod-Stell Strategie („freeze“) die ursprünglichste, zu der sich „fight or flight“ gesellt hat; also kämpfe oder fliehe. Kürzlich wurde auch die „tend and befriend“ Strategie dem Verhaltensportfolio für bedrohliche Situationen hinzugefügt. Dabei suchen und gegen wir soziale Unterstützung.

Aber die älteste und am stärksten in uns verwobene Reaktion gilt die „freeze“ Strategie. Wenn wir nicht vor der Situation einfrieren wollen oder wir tot, regungslos unser Schicksal erleiden wollen, dann müssen wir lernen, dass wir kämpfen können.

Das ist doch sehr motivierend! Denn es sagt uns, dass wir nicht versagen, wenn wir gerade keinen Ausweg sehen, wenn die Welt dunkler wird. Sondern dass wir es in uns tragen, den Todstell Mechanismus zu bekämpfen und so zu lernen, mehr und mehr zu kämpfen! Das Gefühl der Machtlosigkeit ist kein Versagen, sondern die älteste Reaktion des Geistes. So als sollte die Festplatte erst einmal gelöscht werden, bevor neue Lösungsstrategien gefunden werden.

Es geht also darum, jeden Hebel zu finden, der uns erlaubt, unseren Willen zu erhalten und eine positive Änderung herbei zu führen, selbst unter Stress.

 

[1 ] Neuropsych, MARCH 24, 2022, „Debunked: „learned helplessness”,a theory developed from a cruel animal experiment